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...........................Rette sich wer kann das Leben


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Schließung des Kaufhaus `Leffers`in Hannover - Februar 2009

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Eine Foto-Serie von FriedelK
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Text von Henry Miller  (Wendekreis des Krebses)
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................................................Eine Welt ohne Hoffnung ...... aber keine Verzweiflung
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An den äußersten Grenzen seines geistigen Seins findet der Mensch sich wieder, nackt wie ein wilder. Wenn er Gott findet, so ist er gleichsam kahlgefressen: er ist ein Skelett. Man muß sich wieder ins Leben wühlen, um Fleisch anzusetzen. Das Wort muß Fleisch werden, die Seele dürstet.
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Auf welchen Borsamen mein Auge auch fällt, ich will mich darauf stürtzen und ihn verschlingen. Wenn es die wichtigste Sache ist zu leben, dann will ich leben, auch wenn ich Menschenfresser werden muß.
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.......................Bisher versuchte ich meine kostbare Haut zu retten, versuchte ein paar Stücke Fleisch, die meine Knochen umkleiden, durchzubringen. Damit bin ich fertig. Die Grenzen meiner Geduld sind erreicht. Ich stehe mit dem Rücken zur Wand; ich kann nicht weiter zurückweichen. Geschichtlich gesehen bin ich tot. Wenn es etwas jenseits gibt, muß ich zurückspringen. Ich habe Gott gefunden, aber er ist unzulänglich. Ich bin nur geistig tot. Körperlich bin ich lebendig. Moralisch bin ich frei.
.....................................................................................Die Welt die ich verlassen habe, ist ein Zwinger.

Wir alle wollen soviel wie möglich aus dem Leben herausholen. Müssen wir da zu Büchern und Lehrern, zu Wissenschaft, Religion und Philosophie fliehen, müssen wir soviel - und so wenig - wissen, um den Weg für uns zu finden ? Können wir nicht ohne die Qual, durch die wir uns hindurch winden,

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hellwach und gescheit werden ?
Kenntnisse drücken einen nieder, Wissen macht einen traurig. Die Wahrheitsliebe hat nichts mit Kenntnissen oder Wissen zu tun, sie liegt außerhalb ihrer Bereiche.
Die Summe aller Kenntnisse ergibt nur eine größere Verwirrung. Der Intellekt macht sich selbständig und läuft Amok. Der Intellekt ist nicht Seele, Geist und Verstand, der Intellekt ist ein Erzeugnis des Ich, und das Ich kann nie zur Ruhe kommen, nie Befriedigung finden. Wann fangen wir an zu wissen, daß wir etwas wissen ?

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Wenn wir aufgehört haben zu glauben, daß wir jemals etwas wissen können. Die Wahrheit kommt mit dieser Einsicht. Sie ist wertlos. Das Gehirn ist nicht der Geist, es ist ein Tyrann, der den Geist zu beherrschen versucht.
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Eine Angst, allein zu leben, so zu bleiben wie bei der Geburt. Die Pforte des Schoßes immer nur eingeklinkt. Furcht und Sehnsucht. Tief im Blut die Lockung des Paradieses. Das Jenseits. Immer das Jenseits. Es muß alles mit dem Nabel angefangen haben. Man schneidet die Nabelschnur durch, gibt einem einen Klaps auf den Hintern und presto ! du bist auf der Welt, dir selbst preisgegeben, ein Schiff ohne Steuer. Du siehst die Sterne an und dann deinen Nabel. Dir wachsen überall Augen - in den Achselhöhlen, zwischen den Lippen, in deinen Haarwurzeln, an deinen Fußsohlen. Was fern ist, wird nah ... was nah ist, fern. Inwendig - auswendig, ein ständiger Fluß, ein Hautabstreifen, ein Innen-nach-außen-Kehren.
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So wird man Jahre um Jahre getrieben, bis man in den toten Mittelpunkt gelangt und dort verfault, langsam verfällt und wieder aufgelöst wird. Nur der Name bleibt.
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Obwohl man weiß, daß Christus nie wieder auf die Erde kommen wird, daß die Zeit der großen Gesetzgeber vorbei ist, daß Mord eben sowenig wie Diebstahl oder Vergewaltigung nie aufhören wird, trotzdem ... und trotzdem erwartet man etwas, etwas erschreckend Wunderbares und Absurdes, vielleicht einen gratis servierten kalten Hummer mit Mayonnaise, vielleicht eine Erfindung wie das elektrische Licht oder das Fernsehen, nur verheerender, seelentötender, eine unvorstellbare Erfindung, die eine zerschmetternde Stille und Leere mit sich bringt, nicht die Stille und Leere des Todes, sondern eines Lebens - der Traum des Menschen vor der Sintflut, bevor das Wort geschrieben war ...
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... der Traum der Höhlenmenschen und der Menschenfresser, der doppelgeschlechtlichen Wesen mit kurzen Schwänzen, jener, von denen es heißt, sie seien verrückt und hätten keine Möglichkeit, sich zu verteidigen, weil die Nicht-Verrückten in der Überzahl seien. Kalte, von gerissenen Kerlen eingefangene und dann wie explodierende Raketen losgelassene Energie, kompliziert ineinander greifende Räder, die die Illusion von Kraft und Schnelligkeit erzeugen, die einen für Licht, die anderen für Kraft, wieder andere für Bewegung, von Verrückten über den Draht gesandte und wie falsche Zähne gereihte Wörter, präzise hingesetzt, aber abstoßend wie Aussatz, eine angenehme, sanft ...
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... gleitende, sinnlose Bewegung, dem Vergnügen dienend, dem Geschäft, dem Verbrechen, dem Geschlecht, alles Licht, alles Bewegung, alles unpersönlich erzeugte und empfangene Kraft, verteilt über diese enge, vaginaförmige Spalte, dazu bestimmt, dem Wilden, den Bauerntölpel, den Fremden zu blenden und ihm Ehrfurcht einzuflößen, die aber niemanden blenden, niemandem Ehrfurcht einflößen kann, da der eine hungrig, der andere geil, aber alle gleich sind bis auf Kleinigkeiten, Belanglosigkeiten, bis auf Seifenlaugen des Denkens, das Sägemehl des Geistes, nicht anders als der Wilde, der Bauerntölpel und der Fremde.
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.....................................................Wir denken stets daran, daß wir schwach, unwissend, blind und hilflos sind. ............................Wir sind es aber nicht. Wir sind das, wofür wir uns halten, so wenig und so viel.
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Der Mensch des 19.Jahrhunderts begann eine - nach meiner Geschichtsauffassung - nie gekannte Einsamkeit zu fühlen. Er fühlt sie jetzt seit einem Jahrhundert, und er wird immer einsamer, immer zerstückelter. Er wird in tausend Fetzen gerissen. Er lebt in einer Welt, die ihm keine Orientierungsmöglichkeiten bietet. Er ist wie nie zuvor auf sich gestellt, besaß er doch in der Vergangenheit Tradition und Konvention. Heute ist nichts in Sicht:
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Kein Moses, der uns aus der Wüste führen könnte. Jetzt ist es dem Menschen überlassen, sich selbst zu retten.
Er hat von niemandem Hilfe zu erwarten. Das ist das Hoffnungslose und die Hoffnung unserer Zeit. Der Mensch muß sich als etwas mehr denn ein menschliches Wesen sehen, sonst wird er zugrunde gehen..........
Henry Miller

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Fotos (C) 2009 by friedelk
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Schließung des Kaufhaus `Leffers`in Hannover - Februar 2009
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Eine Foto-Serie von FriedelK
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Text von Henry Miller  (Wendekreis des Krebses)






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